Nadodrze — Breslaus Viertel, das gerade passiert
Nadodrze erinnert mich an Ehrenfeld vor zehn Jahren. Nur billiger. Und mit besserem Street Food. Nina und ich sind letzten Herbst zum ersten Mal rübergelaufen, weil jemand meinte, da gäbe es eine gute Knysza. Wir kamen mit einem neuen Lieblingsviertel zurück. Seitdem waren wir bestimmt fünfzehn Mal dort, und jedes Mal hat irgendwo ein neues Café aufgemacht oder ein neues Wandgemälde ist aufgetaucht.
Wie ihr hinkommt
Vom Rynek aus nach Norden. Fünfzehn Minuten zu Fuß, oder Straßenbahn 1, 7 oder 15 bis Haltestelle Nowy Targ, dann noch fünf Minuten. Ich laufe meistens, weil der Weg über die Oder schon schön ist und weil ich in Breslau grundsätzlich mehr laufe als in Köln. Die Stadt ist einfach flacher.
Ihr merkt, dass ihr angekommen seid, wenn die Altbaufassaden anfangen, rauher zu werden. Weniger poliert, mehr Patina. Und dann: das erste Mural.
Was hier mal war
Nadodrze war ein Arbeiterviertel. Im 19. Jahrhundert Fabriken, Mietskasernen, Handwerker. Unter den Deutschen hieß die Gegend Oder-Vorstadt, und wenn ihr genau hinschaut, seht ihr an manchen Hauseingängen noch die alten Inschriften. Eingravierte Firmennamen in Fraktur, manchmal ein verblasstes „Bäckerei" oder „Kolonialwaren" über einer Tür. Das hat mich beim ersten Spaziergang total überrascht — du läufst hier durch deutschsprachige Geschichte, eingebaut in polnische Gegenwart.
Nach dem Krieg wurde Nadodrze vernachlässigt. Die Bewohner waren neu, die Häuser alt, das Geld ging woanders hin. In den Neunzigern und Nullern galt es als eine der schwierigeren Ecken in Breslau. Nicht gefährlich auf die Art, wie manche Stadtteile in großen deutschen Städten gefährlich sind, aber heruntergekommen, leer, vergessen.
Und dann: Künstler. Wie immer.
Erst die Murals, dann der Rest
Street Art kam nach Nadodrze, weil die Mieten niedrig waren und die Fassaden groß. Ein paar Wandgemälde wurden im Rahmen von Stadtfestivals organisiert, andere sind einfach aufgetaucht. Inzwischen ist das ganze Viertel ein Open-Air-Museum — nur ohne Eintritt, Audioguide und Schulklassen.
Das bekannteste Mural zeigt Tadeusz Pawłowski, einen Breslauer Künstler und Ballonfahrer aus den 1960ern. Riesiges Porträt an einer Hauswand auf der ul. Roosevelta. Ihr könnt es nicht verfehlen, es geht über vier Stockwerke. Der Typ war so eine Art Breslauer Beuys — Happenings, Performance, Grenzüberschreitung, zu einer Zeit, als Grenzüberschreitung in Polen eine andere Dimension hatte als im Rheinland.
Aber das Beste an den Murals in Nadodrze ist, dass sie nicht in einem „Street Art District" zusammengepfercht sind, den die Stadt für Touristen eingerichtet hat. Sie tauchen einfach auf. Zwischen einem Friseur und einem Gemüseladen. Über einem Torbogen, durch den ihr in einen Hinterhof lauft. Neben einer Kneipe, die wahrscheinlich seit 1987 so aussieht.
Erste Station: Bistro Nadodrze
Wenn Nadodrze ein Viertel mit einem Anker hat, dann ist es Bistro Nadodrze. Seit über zwanzig Jahren an derselben Stelle, während um den Laden herum alles zweimal umgekrempelt wurde. Die Gegend war rau? Bistro Nadodrze war da. Die Gegend wird hip? Bistro Nadodrze ist immer noch da. Gleiche Knysza, gleiche Preise, gleiche Schlange.
Knysza, falls ihr meinen Budget-Guide noch nicht gelesen habt: Breslaus eigenes Street Food. Ein gefülltes Brottäschchen, warm, frisch belegt, 12–15 PLN (knapp 3 EUR). Gibt es fast nur in Breslau, nirgendwo sonst in Polen. Das ist wie Halver Hahn in Köln — wenn du es nicht kennst, ist es komisch. Wenn du es kennst, willst du es immer wieder.
Nina nimmt immer die Variante mit Champignons und Käse. Ich wechsle zwischen Schinken-Käse und der Tagesvariante, die meistens irgendwas mit Paprika oder Spinat ist. Das Schöne: Du stehst fünf Minuten an, zahlst fast nichts, und hast was Warmes in der Hand, während du weiterlaufst. Perfektes Stadtteil-Essen.
Samstags: Bauernmarkt
Samstags gibt es den Nadodrze-Bauernmarkt. Ich habe ihn schon im Markthallen-Artikel erwähnt, aber dort war er ein Punkt auf einer Liste. Hier ist er Teil der Route.
Der Markt ist klein. Zehn, fünfzehn Stände, je nach Woche. Gemüse, Käse, Brot, Honig, manchmal Marmelade von einer Frau, die drei Sorten mitbringt und um elf wieder weg ist. Das ist kein Viktualienmarkt. Es gibt kein Logo, keinen Instagram-Account, keine Holzschilder mit Kreideaufschrift. Es sind Leute, die morgens um sechs ihr Auto gepackt haben.
Was ich hier kaufe: Tomaten (im Sommer besser als alles im Supermarkt), Ziegenkäse von einem Hof südlich von Breslau, und wenn ich Glück habe, frische Eier. Die Preise sind fair — nicht billiger als Biedronka, aber die Qualität ist eine andere Liga.
Zeitfenster: Ab 8 Uhr bis ungefähr Mittag. Um 9 ist ideal. Um 12 räumen die ersten ab.
Kaffee und Kuchen und alles dazwischen
Nadodrze hat inzwischen ein paar richtig gute Cafés, und die unterscheiden sich von den Specialty-Coffee-Läden am Rynek dadurch, dass sie nicht für Touristen gebaut sind. Die Leute, die dort sitzen, wohnen um die Ecke.
An der Ecke ul. Łokietka gibt es ein winziges Café mit vier Tischen, das ich euch namentlich gar nicht nennen will, weil ich Angst habe, dass es dann zu voll wird. Okay, doch: Stragan Kawiarnia. Filterkaffee für 12 PLN, Kuchen für 10–14 PLN, und eine Besitzerin, die jeden Stammgast beim Namen kennt. Nina und ich sitzen da samstags nach dem Markt, meistens eine Stunde länger als geplant.
Dann gibt es noch Mleczarnia an der Włodkowica — Moment, das ist ein anderes Viertel. In Nadodrze selbst: Cafe Rozrusznik, eher so eine Mischung aus Café und Kulturzentrum. Ausstellungen, Lesungen, Filmabende. Der Kaffee ist okay, die Atmosphäre ist der Punkt. An Winterabenden sitzen da Leute mit Laptops und Büchern und draußen ist es dunkel um fünf. Erinnert mich an die Läden in der Körnerstraße in Ehrenfeld, bevor dort die Mieten explodiert sind.
Einfach laufen
Mein Tipp: Plant keine Route. Lauft die ul. Nowowiejska entlang, biegt ab, wenn euch eine Gasse interessiert, schaut in Hinterhöfe. In Nadodrze passiert das meiste abseits der Hauptstraßen.
Dinge, auf die ihr achten könnt:
- Die alten deutschen Inschriften über den Eingängen. Manchmal Geschäftsnamen, manchmal Hausnummern in einem Schriftstil, den es seit achtzig Jahren nicht mehr gibt.
- Kleine Galerien — keine großen Kunsthäuser, sondern Schaufenster-Galerien. Jemand hat seinen Laden zum Ausstellungsraum gemacht. Wechselt alle paar Wochen.
- Sticker und Paste-Ups an Stromkästen und Laternen. Nadodrze hat eine aktive Szene, die sich nicht auf die großen Murals beschränkt.
- Die Oder. Nadodrze grenzt im Süden an den Fluss. Runter ans Wasser, Bank suchen, kurz sitzen. Breslau von der ruhigen Seite.
Im Frühling und Sommer ist das Viertel am besten. Die Hinterhöfe grünen, die Cafés stellen Tische raus, der Markt hat Erdbeeren. Aber auch im Winter hat Nadodrze was — die leeren Straßen, die warme Knysza, das Gefühl, dass man eine Stadt sieht, die sich gerade verändert.
Die Sache mit der Gentrifizierung
Ich wäre nicht ehrlich, wenn ich das auslassen würde.
Nadodrze gentrifiziert. Die Cafés kommen, die Mieten steigen, die Alteingesessenen gucken skeptisch. Es passiert. Ob das gut oder schlecht ist, kommt drauf an, wen ihr fragt. Die Künstlerin, die 2015 ein Atelier für 800 PLN im Monat gemietet hat und jetzt 2.000 zahlt, sieht das anders als der Gastronom, der letztes Jahr eröffnet hat.
Ich kenne das aus Ehrenfeld. Ich bin selbst Teil des Problems — in Köln war ich die Zugezogene, die in den bezahlbaren Stadtteil zieht und damit den Stadtteil ein Stück weniger bezahlbar macht. In Breslau bin ich das noch mehr, weil ich mit einem deutschen Gehalt in einer polnischen Stadt lebe. Darüber kann man sich Illusionen machen oder nicht.
Was ich sagen kann: Nadodrze ist gerade an diesem Punkt, wo beides gleichzeitig existiert. Der Gemüseladen neben dem Specialty-Coffee. Die Oma, die Gardinen wäscht, neben dem Coworking-Space. Das hält nicht ewig. In Ehrenfeld hat es vielleicht zehn Jahre gedauert, bis das Gleichgewicht gekippt ist. In Nadodrze geht es vielleicht schneller, vielleicht langsamer — polnische Immobilienmärkte ticken anders als Kölner.
Geht jetzt hin. Nicht in fünf Jahren.
Noch mal: Ehrenfeld
Ich vergleiche Nadodrze die ganze Zeit mit Ehrenfeld, und ich finde den Vergleich tatsächlich ziemlich treffend. Beides waren Arbeiterviertel mit Industriegeschichte. In beiden kamen erst die Künstler, dann die Cafés, dann die Gastronomie, dann die Mieterhöhungen. Beide liegen nicht im touristischen Zentrum, aber nah genug dran, dass man in fünfzehn Minuten da ist.
Der Unterschied: Nadodrze ist billiger. Deutlich. Eine Knysza bei Bistro Nadodrze kostet 3 EUR. Ein Falafel in Ehrenfeld kostet 7 EUR. Ein Kaffee in Nadodrze: 12 PLN, also knapp 3 EUR. Ein Kaffee in Ehrenfeld: 4,50 EUR. Das ist keine kleine Differenz, wenn ihr ein Wochenende dort verbringt.
Und: Nadodrze hat die deutschsprachige Geschichte. Ehrenfeld war immer Köln. Nadodrze war mal Breslau, und davor war Breslau mal deutsch, und diese Schichten liegen übereinander wie Tapeten in einer alten Wohnung. Das gibt dem Viertel eine Tiefe, die Ehrenfeld so nicht hat.
Mein Nadodrze-Samstag
Falls ihr eine Vorlage braucht, hier ist meiner:
9:00 — Straßenbahn bis Nowy Targ. Fünf Minuten laufen. Bauernmarkt. Tomaten kaufen, Käse probieren, frischen Saft trinken, falls der Stand mit dem Entsafter da ist.
10:00 — Knysza bei Bistro Nadodrze. Im Stehen essen. Ist besser so.
10:30 — Spaziergang. Nowowiejska Richtung Norden, dann kreuz und quer. Murals angucken, in Hinterhöfe schauen, in einer Galerie hängenbleiben.
11:30 — Kaffee bei Stragan Kawiarnia. Sitzen. Lesen. Nina liest, ich scrolle durch mein Handy, wir reden nicht viel, und das ist gut so.
12:30 — Zurücklaufen über die Oder. Brücke, Wasser, fertig.
Gesamtkosten: 50–70 PLN (12–16 EUR). Für einen halben Tag in einem der interessantesten Viertel der Stadt. In Köln wäre ich nach dem Kaffee schon bei 15 EUR.