Naturwein in Breslau
Ich bin in Köln über Naturwein gestolpert — Weinläden im Belgischen Viertel, eine Bar in Ehrenfeld, die Skin-Contact ausgeschenkt hat, als das in Deutschland noch ein Nischenthema war. Ich dachte, ich kenn mich aus. Dann bin ich nach Breslau gezogen und hab gemerkt: Ich kannte genau die Hälfte.
Polen hat eine Naturwein-Szene. Nicht riesig, aber echt. Und Breslau hat dank einer Handvoll besessener Leute — Sommeliers, Bartender, ein Koch, der 50 Weine offen ausschenkt — eine Dichte an guten Wein-Adressen, die ich in Köln so nicht hatte. Für weniger Geld. Deutlich weniger.
Meine Einstiegsdroge: Pijalni und der Coravin
Ich hab Pijalni in meiner ersten Woche in Breslau entdeckt, auf Empfehlung einer Freundin, und es hat alles verändert. Nicht weil das Essen grandios ist (ist es, aber das ist ein anderes Thema). Sondern weil ich dort zum ersten Mal 50 Naturweine offen trinken konnte — glasweise, aus dem Coravin.
Für alle, die nicht wissen, was ein Coravin ist: Das Ding sticht eine Nadel durch den Korken, pumpt Argon rein, und gießt Wein aus, ohne die Flasche zu öffnen. Heißt: Die Flasche bleibt Wochen frisch. Heißt: Restaurants können Weine glasweise anbieten, die sonst nur als ganze Flasche gehen. Heißt: Ihr könnt an einem Abend drei komplett verschiedene Weine probieren, ohne 150 EUR für drei Flaschen auszugeben.
Bei Pijalni heißt das konkret: Ein Glas eines südfranzösischen Naturweins — irgendein Côtes du Rhône-Produzent, den ich vorher nie gesehen hab — für 35 PLN, also acht Euro. Daneben ein polnischer Skin-Contact aus Niederschlesien für 30 PLN. Dann ein georgischer Amber Wine als Abschluss. Gesamtkosten: 95 PLN, also 22 Euro. In Köln kriege ich dafür anderthalb Gläser.
Tomek Wencek (der Koch, Ex-Michelin-Stern Barcelona) und sein Team wechseln die Karte ständig. Jeden Monat sind andere Produzenten drauf. Polnische, französische, italienische, georgische. Das ist keine Bar, die eine Liste hat und fertig — das ist ein lebendiges Ding.
Polnischer Wein — ja, wirklich
Bevor ihr lacht: Polen hat über 300 registrierte Weingüter. Die meisten sind klein, produzieren unter 10.000 Flaschen, und exportieren nichts. In Deutschland kennt die kein Mensch.
Niederschlesien (Dolny Śląsk) — die Region rund um Breslau — hat ein Klima, das dem der Mosel ähnelt, nur etwas kontinentaler. Kalkstein, Lehm, moderate Höhenlagen. Was da wächst: Riesling, Solaris, Hibernal, Johanniter. Resistente Sorten, die nicht gespritzt werden müssen, was praktisch automatisch zu Low-Intervention-Wein führt.
Wo ich sie trinke:
Cocofli (Włodkowica 9) hat als einzige Bar in Breslau explizit niederschlesische Weine auf der Karte. Die Auswahl ist klein — vier, fünf Labels — aber die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt, ist für mich der Grund, dort hinzugehen. Ein Glas niederschlesischer Weißwein für 25 PLN. In fünf Jahren werden die das Doppelte kosten, wenn der Hype kommt.
Niewinność (Szewska 27) hat meistens ein, zwei polnische Weine im Angebot. Fragt den Besitzer — er liebt es, über polnische Produzenten zu reden.
Browar Stu Mostów — ja, die Brauerei. 30 Prozent der Weinkarte ist Naturwein. In einer Craft-Beer-Brauerei. Breslau ist seltsam. Im besten Sinne.
Wo Naturwein trinken — die Kurzliste
| Ort | Naturwein-Fokus | Glas ab |
|---|---|---|
| Pijalni | 50+ offen via Coravin, wechselnd | 25 PLN (6 EUR) |
| Zbawcy Win | Natur + konventionell, Orange Wine | 25 PLN (6 EUR) |
| Niewinność | Naturwein in Laborgläsern | 28 PLN (7 EUR) |
| Cocofli | Niederschlesische Weine | 25 PLN (6 EUR) |
| Browar Stu Mostów | 30% Naturwein neben Craft Beer | 28 PLN (7 EUR) |
Mein Weg zum Naturwein
Ich bin keine Sommelière. Ich hab kein WSET-Zertifikat und ich werd nie einen Wein „vertikal" verkosten. Was ich hab: ein genuines Interesse, das mit einem Glas Skin-Contact in einer Kölner Bar angefangen hat und in Breslau richtig Fahrt aufgenommen hat.
Was mich an Naturwein festhält: Jede Flasche schmeckt anders. Nicht wie ein Markenprodukt, das jedes Jahr gleich ist, sondern wie etwas, das jemand gemacht hat. Mit Entscheidungen, Fehlern, Charakter. Das eine Glas ist trüb und riecht nach Apfel und Heu. Das nächste ist glasklar und hat Tannine wie ein Rotwein, obwohl es ein Weißer ist. Manche sind großartig. Manche sind komisch. Kein einziges ist langweilig.
Breslau hat mir beigebracht, polnische Weine ernst zu nehmen. Und georgische. Und slowenische. Die Welt ist größer als Frankreich und Deutschland.