Weinbars in Breslau
Breslau hat sechs, sieben richtig gute Weinbars — und keine davon versucht, Paris zu sein. Was ich daran liebe: Es geht ums Trinken, nicht ums Posieren. Und die Preise sind absurd gut.
In Köln hatte ich meine drei, vier Adressen für Naturwein. Alle gut, alle teuer. Ein Glas Skin-Contact auf der Aachener Straße: 14 EUR, mindestens. In Breslau: 25–35 PLN, also sechs bis acht Euro. Für den gleichen Wein. Manchmal für den besseren.
Ich hab hier in anderthalb Jahren mehr Weinbars getestet als in fünf Jahren Köln. Das sind meine.
Zbawcy Win
Mein Lieblingsort in Breslau. Punkt.
Zbawcy Win sitzt mitten auf der Włodkowica, und es ist genau so, wie eine Weinbar sein sollte: leise Musik, weiches Licht, Sitze, in denen man versinkt. Die Karte mischt konventionelle und natürliche Weine — gute Orange-Weine, Nischenlabels, Sachen, die ich in Deutschland nicht kenne. Wer unsicher ist, kriegt ehrliche Empfehlungen, kein Upselling.
Nina und ich kommen hier Donnerstag für Donnerstag her. Meistens ein Glas, meistens werden es zwei. Einmal haben wir versehentlich eine ganze Flasche eines georgischen Amber Wine getrunken und dann beschlossen, dass wir nach Georgien fliegen müssen. Sind wir noch nicht. Aber der Plan steht.
Zbawcy Win ist der perfekte Einstieg in einen Abend im Viertel. Von hier aus ist Mleczarnia drei Minuten, Cocofli zwei, und der Rückweg nach Hause null — ich wohne um die Ecke.
Pijalni Wino & Bistro
Pijalni ist kein reiner Weinbar — es ist ein Bistro mit einer Weinkarte, die besser ist als in den meisten reinen Weinbars. Aber weil Tomek Wencek am Herd steht (Michelin-Stern-Erfahrung in Barcelona, Ex-Küchenchef der dinette) und über 50 Weine offen aus dem Coravin ausschenkt, landet es hier ganz vorne.
Das Coravin-System ist der Gamechanger: Ihr bekommt Weine glasweise, die sonst nur als Flasche auf der Karte stehen. Einen 2021er Côtes du Rhône von einem Produzenten, den ich noch nie gesehen hatte? 35 PLN das Glas, also acht Euro. In einer Kölner Weinbar steht der nicht mal auf der Karte.
Die Karte wechselt ständig — saisonal, impulsiv, manchmal chaotisch. Im besten Sinne. Dazu kleine Teller vom offenen Feuer: saisonale Küche, Sharing-Plates, nichts über 50 PLN. Perfekt, wenn ihr beim Wein auch essen wollt, ohne in ein formelles Restaurant wechseln zu müssen.
Mehr über Pijalni als Restaurant: Die besten Restaurants in Breslau.
Niewinność Wine Bar
Niewinność — „Unschuld" — hat ein Alleinstellungsmerkmal, das ich nirgendwo sonst gesehen habe: Wein in Labormaßgläsern. Nicht als Gag, sondern weil der Besitzer findet, dass man so die Farbe besser sieht. Ehrlich gesagt hat er recht.
Der Besitzer ist immer da, immer gesprächig, immer mit einer Meinung. Wenn ihr sagt, ihr mögt keine Tannine, kriegt ihr keine Tannine. Wenn ihr sagt, ihr wisst nicht, was Tannine sind, erklärt er es, ohne herablassend zu sein. Kleine Tapas dazu — warm und kalt. Der Käse ist okay, der Wein ist der Star.
TripAdvisor gibt 4.9 Sterne bei über 220 Bewertungen. Das passiert nicht zufällig.
Cocofli
Tagsüber sitze ich hier mit dem Laptop zwischen Bücherstapeln und trinke Kaffee. Abends wird aus dem Buchladen eine Weinbar, und zwar eine mit niederschlesischen Weinen auf der Karte — das gibt es sonst nirgends.
Niederschlesien hat ein wachsendes Weinanbaugebiet, und Cocofli ist einer der wenigen Orte in Breslau, die das ernst nehmen. Daneben französische und italienische Klassiker, anständige Preise. Die Atmosphäre ist schwer zu beschreiben: intellektuell-gemütlich? Bücherregale, gedimmtes Licht, leise Gespräche. Ab und zu ein Lesungsabend.
Liegt direkt auf der Włodkowica, zwischen Zbawcy Win und Mleczarnia. Drei Minuten Fußweg in jede Richtung.
OK Wine Bar
OK Wine Bar ist das elegante Gegenmodell zu den intimen Bars auf der Włodkowica. Bodentiefe Fenster, weiß und hell, Blick auf die Oder. Die größte Weinkarte der Stadt — hunderte Labels, von Bordeaux bis Barossa. Dazu Seafood: Hummer, Austern, Kaviar.
Betreiberin Katarzyna Obara ist Journalistin und Weinkennerin, und man merkt, dass die Karte von jemandem zusammengestellt wurde, der trinkt, was drauf steht. Naturwein gibt es hier auch, aber es ist nicht der Fokus. Wer französische Klassiker in schickem Setting will, ist hier richtig.
Ehrlich gesagt: Ich gehe seltener hin. Nicht weil es schlecht ist — es ist objektiv großartig. Aber es ist eine andere Szene. Weniger Sneakers, mehr Etuikleider. Perfekt für einen besonderen Anlass, weniger für Donnerstagabend.
Winnica na Solnym
Ihr lauft durch ein unscheinbares Tor am Salzmarkt und steht plötzlich in einem Innenhof voller Weinranken. Winnica na Solnym fühlt sich an wie Südeuropa — und das mitten in der Altstadt.
Direktimporte von kleinen Familienweingütern aus Frankreich und Italien. Käseplatten, Fondue, Oliven. Die Inhaberin kennt ihre Produzenten persönlich und erzählt gern davon. Dienstag bis Sonntag, montags geschlossen.
Im Sommer ist der Innenhof Gold. Im Winter ist es drinnen gemütlich genug, aber das Geheimnis liegt draußen.
Was kostet ein Weinabend?
Drei Gläser in drei verschiedenen Bars, vielleicht eine Käseplatte: 120–180 PLN, also 28–42 EUR. In Köln ist das ein Glas und ein halbes.
Flasche im Restaurant: ab 90 PLN (ca. 21 EUR) für etwas Gutes. In der Weinbar ab 120 PLN (28 EUR). Im Supermarkt (Żabka, Biedronka) gibt es für 30 PLN (7 EUR) Sachen, die in Deutschland 15 EUR kosten. Der Preisunterschied ist real.