Włodkowica & das Viertel der vier Tempel
Wenn mich jemand fragt, was Breslau ausmacht — nicht die Zwerge, nicht der Rynek, nicht die Postkartenmotive — dann sage ich: kommt abends auf die Włodkowica. Alles andere erklärt sich dann von selbst.
Die Włodkowica ist eine Straße im alten jüdischen Viertel, keine fünf Minuten vom Rynek entfernt und trotzdem eine komplett andere Welt. Kein Touristenkitsch, keine Bernsteinketten, keine Typen, die euch in ein Restaurant reinquatschen wollen. Stattdessen: Kerzen in Fenstern, offene Türen, der Geruch von Wein und Holz. Abends um zehn sitzt ihr draußen mit einem Glas Orange Wine, um euch rum wird Polnisch, Englisch und irgendwas Skandinavisches gesprochen, und niemand guckt auf die Uhr.
Ich wohne hier. Das ist kein Zufall.
Die vier Tempel
Der Name „Viertel der vier Tempel" klingt nach Reiseführer, ist aber einfach Geografie: Innerhalb eines Blocks stehen hier eine Synagoge, eine katholische Kirche, eine evangelische Kirche und eine orthodoxe Kirche. Vier Konfessionen, vier Gebäude, ein paar hundert Meter. Breslau war immer eine Stadt, in der Leute verschiedener Herkunft nebeneinander gelebt haben — manchmal gut, manchmal katastrophal, aber immer nah beieinander. Das Viertel ist davon der sichtbarste Beweis.
Die Synagoge unter der Weißen Storch (Synagoga Pod Białym Bocianem) könnt ihr besichtigen. Beeindruckend allein wegen der Geschichte: zerstört in der Pogromnacht 1938, jahrzehntelang als Lager genutzt, seit 2010 restauriert. Heute finden dort Konzerte und Ausstellungen statt.
Meine Bar-Route: Ein Abend auf der Włodkowica
Start: Zbawcy Win
Włodkowica 12A. Mein Lieblings-Einstieg. Leise Musik, weiches Licht, Wein statt Cocktails. Die Karte hat konventionelle und natürliche Weine, gute Orange-Weine, Nischenlabels. Wenn ihr nicht wisst, was ihr wollt — sagt das. Die Empfehlungen sind ehrlich, nicht upselling.
Nina und ich kommen hier mindestens einmal die Woche hin. Meistens Donnerstag. Meistens ein Glas zu viel. Es ist der Ort, an dem ein Abend anfängt und manchmal auch aufhört, weil man es einfach nicht mehr woanders hin schafft.
Für mehr über die Weinbar-Szene: Weinbars in Breslau.
Zweiter Halt: Mleczarnia
Włodkowica 5. Die Kerzenbar. Mleczarnia heißt übersetzt „Molkerei", aber es gibt keine Milch, nur Atmosphäre. Dunkel, eng, jeder Tisch hat mindestens drei Kerzen, der Innenhof ist im Sommer eine Oase. Keine Weinbar im engeren Sinne — eher eine Bar mit anständiger Weinkarte und dem Flair eines Ortes, der seit 25 Jahren weiß, was er ist.
Im Sommer sitzt ihr im Hof zwischen Efeu und Lichterketten. Im Winter drinnen, wo die Decke so niedrig ist, dass ihr euren Kopf einzieht, wenn ihr aufsteht.
Dritter Halt: Cocofli
Włodkowica 9. Tagsüber Buchhandlung mit Kaffee, abends Weinbar. Cocofli hat als eine der wenigen Bars in Breslau explizit niederschlesische Weine im Angebot — ja, in Niederschlesien wird Wein angebaut, und er ist besser als ihr denkt. Dazu französische und italienische Klassiker. Die Stimmung ist intellektuell-gemütlich, wenn das Sinn ergibt. Bücher an den Wänden, leise Gespräche, ab und zu ein Lesungsabend.
Optional: Pijalni um die Ecke
Pijalni Wino & Bistro ist technisch nicht auf der Włodkowica, aber nah genug, dass es in die Route passt. Wenn ihr um zehn noch Hunger habt: Die kleinen Teller dort — Saisonküche vom offenen Feuer — sind genau das Richtige, um einen Weinabend zu landen. Und Tomeks Karte wechselt ständig, also bleibt es spannend.
Was das Viertel besonders macht
Es gibt Städte, die ein „cooles Viertel" haben, das sich so anfühlt, als hätte jemand ein Moodboard gebaut und dann Bars reingestellt. Die Włodkowica ist das Gegenteil. Nichts hier ist kuratiert. Die Bars sind organisch gewachsen, die Besitzer kennen sich, die Stammgäste überlappen sich. Wer in Zbawcy Win sitzt, war wahrscheinlich schon in Mleczarnia, und wer Cocofli mag, weiß von Pijalni.
Für mich als queere Frau ist das auch relevant: Das Viertel hat keine Regenbogenflaggen an jeder Ecke, aber es hat die Atmosphäre, in der niemand zweimal hinguckt. Nina und ich halten hier Händchen, ohne darüber nachzudenken. In Warschau würde ich das nicht überall machen. Hier schon.
Das bohemische, inklusive, leicht chaotische — das ist es, weswegen ich in Breslau geblieben bin. Nicht wegen der billigen Miete. Naja. Auch wegen der billigen Miete.
Praktisches
Hinkommen: Vom Rynek sind es 5 Minuten zu Fuß Richtung Süden. Die Włodkowica beginnt direkt hinter dem Plac Solny (Salzmarkt).
Wann kommen: Unter der Woche ab 19 Uhr, am Wochenende ab 18 Uhr. Freitagabend ist am vollsten, Donnerstag ist mein Lieblingsabend — genug los, nicht zu voll.
Was anziehen: Sneakers reichen. Das ist keine Rooftop-Bar-Szene.
Budget: Ein Glas Wein liegt bei 25–45 PLN (6–10 EUR). Ein Abend mit drei Bars und einem Snack: 120–180 PLN (28–42 EUR). In Köln zahlt ihr das für zwei Gläser auf der Aachener Straße.